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BORGTHEATER

Ingeborg Hoffmann – Regie, Dramaturgie, Theaterpädagogik


p.m.

Veröffentlicht am 23. November 2012, 22:00pm

Unentschlossenes Schrittes tritt er auf die Straße vor seinem Haus, das ihm wie so vieles nicht gehört, und bewegt sich entlang des Rinnsteins in irgendeine Richtung. Er bemüht sich seines Körpervolumens ungeachtet zwischen all den geschäftigen Städtern nicht zu sehr aufzufallen und trotzdem dabei ihrer nicht ständig gewärtig zu sein.

Aber sie sind immer da.

Wie sie ihm den Weg verstellen, ihre Gerüche verbreiten und, schlimmer noch, ihre Geräusche. Das Schnaufen und Ächzen, das Rascheln und Quietschen, das Klackern und Schnauben. Alles kommt ihm so ungesund vor.

Also läuft er weiter (und weiter) und sucht im Gewirr der übereinander lappenden Straßen nach einem Ort, wo ihn die Menschen nicht verstören. Dass er den Weg dahin kennt, beruhigt ihn nicht. Jeden Augenblick glaubt er ihn zu vergessen. Die Häuser am Rand schwanken hin und her und auch die Straßen selber ändern ihren Verlauf, so kommt es ihm vor, noch während er auf ihnen geht.

Und dann steht er doch wieder in diesem Zimmer, neben der wuchtigen Couch und starrt auf die Frau, die ihm vorgegeben hat seine Mutter zu sein. Sie liegt da auf dem samtbezogenen Ungetüm, die Hände auf der Brust gefaltet und die Augen geschlossen. Mutters Miene hat sich zu einem finsteren Lächeln verfestigt. Er hat die kalte Königin aufgebahrt in der Gruft. Um ihr Gesicht sind ihre langen grauen Haare arrangiert, ihre Beine liegen parallel nebeneinander. Nur die Blumen auf der Pappkiste, die er als Ersatz für einen Couchtisch neben die Ruhestätte seiner Mutter gestellt hat, werfen welke Blätter und Blüten von sich.

Er ist zu lange nicht hier gewesen. Und wenn auch er sich nicht daran stört, irgendein Mensch wird seine sonst zu verstopfte Nase schon in seine Angelegenheiten stecken und sich am Geruch des Verfalls der Mutter stören. Vorerst soll ihm das egal sein.

Vorsichtig, um den mühevoll drapierten Körper nicht in Unordnung zu bringen, legt er sich an Mutters Seite, den Kopf an ihre Schulter gelehnt. Seine Schuhe hat er vorher ausgezogen, die teuren Schuhe. Er hat sie vor dem Sofa abgestellt. Nebeneinander.

Auf einmal ist er sich nicht mehr sicher ob er sich nicht vielleicht getäuscht hat. Und je mehr er darüber nachgrübelt, desto wahrscheinlicher wird ihm der Gedanke, seine Schuhe stünden dort unten in wilder Unregelmäßigkeit. Er bemüht sich die lästigen Gedanken an die Schuhe (die teuren braunen Lederschuhe, die jetzt da unten liegen, durcheinander) vom Halse zu halten, zieht den scharfen Geruch der aus ihren Poren strömt ein um sich abzulenken.

Er hält es nicht aus.

Und schnell, damit sie es nicht sehen muss, beugt er sich über Mutters Bauch hinunter wo er seine Schuhe vermutet. Seine Brust streift dabei die ihre. Und noch bevor er seine ohnehin schon in Reih und Glied stehenden Schuhe ordnen kann, bemerkt er wie der Körper neben ihm ins rutschen gerät. Erst fällt ein Arm von der Couch. Es kommt ihm so langsam vor und trotzdem ist es so schnell dass er nicht eingreifen kann (oder nicht glaubt es zu können). Dem Arm folgt der Oberkörper, der Kopf, der Unterleib, die Beine und zum Schluss die Füße.

Wie sie jetzt so daliegt, seltsam verrenkt, hat diese Frau mit Mutter nichts mehr gemein. Ein hässlicher alter Körper liegt da vor ihm auf dem Parkettfußboden. Genau so einer wie die da draußen auf der Straße. Ein unförmiger Körper, ein feindlicher, nur dass er keine Geräusche mehr macht. Die kommen dafür von draußen hinein geweht.

Ihm ist es egal. Er lässt sie da liegen. Überlässt ihren Körper den Nachbarn, dem Arzt oder wem auch immer, nimmt seine Schuhe (die teuren braunen Lederschuhe, von denen er sich alle paar Jahre ein neues Paar kauft, wenn das alte ausgedient hat) und verlässt das Haus.

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